Richter für einen Tag

Einleitung

Mal Richter für einen Tag sein. Davon träumt vermutlich jeder Jurist. Als Referendar kann dies ermöglicht werden. § 10 GVG sei Dank. Ich möchte von meinem Erlebnis berichten.

Der Beginn

Am Anfang bekam ich die Akte nach Hause, die ich mit Hilfe der Relationstechnik aufgearbeitet hatte. Ich habe den Tatbestand herausgearbeitet und eine rechtliche Lösung entworfen. In der Sache ging es um einen Verkehrsunfall. Der Beklagte ist auf die Spur des Klägers gewechselt und es kam zur Kollision. Der Kläger hat behauptet, dass der Beklagte den Sicherheitsabstand verletzt und dann eine Vollbremsung hingelegt hätte. Der Beklagte hat erwidert, dass er genügend Abstand gelassen hat und der Kläger ihm dann hinten aufgefahren sei, während er schon eine Zeit lang stand.

Der Fall wurde einen Tag zuvor mit der zuständigen Richterin besprochen. Die Lösung erweist sich insgesamt als herausfordernd. Insbesondere die Fragen um die Beweislast waren knifflig, da beide Parteien einen Anscheinsbeweis für sich in Anspruch genommen haben. Natürlich orientieren sich die Fragen, die den Zeugen gestellt werden auch anhand der Beweisfragen.

Z.B.

  • Wie viel Abstand war zwischen den Fahrzeugen beim Spurwechsel?
  • Wann hat der Beklagte gebremst?
  • Wie war der Verkehr zu dem Zeitpunkt?

Die Verhandlung

Zunächst kam die Aufregung. Ich hatte es nicht nur mit den Parteien und ihren Anwälten, sondern auch mit vier Zeugen zu tun. Mir wurde dabei die komplette Verhandlungsleitung übertragen. Diese fängt mit dem Aufruf der Sache an und hört vor dem Schluss der mündlichen Verhandlung auf. Als Richter obliegt es einem selbst, den Prozess zu führen. Man muss die Initiative ergeifen und auf die Parteien zugehen, mit ihnen sprechen und diskutieren, dabei aber stets neutral bleiben. Auch bei der Befragung der Zeugen darf nicht ausgeforscht werden. Kurzum: Es gibt viele parallele Vorgänge, die es zu steuern und zu beachten gilt. Dazu kommt noch die Protokollierung der Sitzung (§§ 159, 160 ZPO). Dies geschieht mit Hilfe eines Diktiergerätes. Man merkt sich also die Aussagen der Parteien, Zeugen und Vertreter und gibt diese dann in eigenen Worten wieder. Das war für mich die größte Herausforderung, weil man den Zeugen beobachten muss, mitschreiben muss und dann nochmal alles zusammenfassen muss.

Ergebnis

Das Beweisergebnis war aus dem Lehrbuch. Oder auch nicht. Jeder Zeuge sagte etwas komplett Anderes als die davor. Im Nachhinein war man tatsächlich nahezu so schlau wie vorher. Deswegen wurde noch ein Gutachten in Auftrag gegeben.

Letztlich hat es sehr viel Spaß gemacht. Die Anwälte, Parteien und Zeugen haben es mir sehr einfach gemacht, da sich alles vorschriftsmäßig verhalten haben. Das Ganze hat anderthalb Stunden gedauert und war eine nette Erfahrung. Ich kann mir durchaus vorstellen, dies später beruflich machen zu wollen. Dann aber als „richtiger“ Richter.

Richter für einen Tag
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2 Gedanken zu „Richter für einen Tag

    • Dezember 05, 2015 um 8:54
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      Danke. War wirklich gut. Nur das diktieren hat etwas genervt 🙂

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